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Lea Schilling

Neue Wege gehen, Nachhaltigkeit weiterdenken, mutig sein:
Im Interview spricht Lea Schilling über ihren Weg von der Marketingmanagerin zur Gründerin ihres eigenen veganen Bettwäsche-Labels AGA.PIE. Sie teilt wertvolle Einblicke, wie man Sichtbarkeit erlangt – und warum Netzwerke dabei so hilfreich sind.

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Lea, magst du dich kurz vorstellen und erzählen, wie es zur Gründung von AGA.PIE gekommen ist?


Ich bin Lea Schilling und Gründerin des nachhaltigen Labels AGA.PIE. Im Sommer 2021 bin ich mit meinem Webshop gestartet. AGA.PIE ist ein reines E-Commerce-Unternehmen. Von Anfang an habe ich meine Produkte über den eigenen Onlineshop verkauft, aber auch über verschiedene Marktplätze.

Wenn ich über meine Gründung spreche, muss ich aber eigentlich ein bisschen weiter ausholen.

 

Nach meiner ersten Elternzeit bin ich zunächst in meinen alten Job zurückgekehrt. Dort hatte ich schon während meines Studiums als Werkstudentin angefangen und war insgesamt viele Jahre im Mode-E-Commerce tätig.

Nach anderthalb Jahren Elternzeit kam ich zurück – und merkte ziemlich schnell, dass ich mich immer noch über dieselben Dinge ärgerte wie vorher. Es hatte sich eigentlich nichts verändert. Irgendwann dachte ich: Wenn sich die Situation nicht verändert, muss ich mich selbst verändern.

Also habe ich angefangen, mich nach einem neuen Job umzusehen. Das war nicht ganz einfach – ich hatte ein kleines Kind zu Hause, konnte nicht Vollzeit arbeiten und war Anfang 30. Da jubelt der Arbeitsmarkt nicht unbedingt sofort.

Schließlich fand ich aber eine neue Stelle – wieder mit Mode-E-Commerce-Bezug, aber in einem ganz anderen Umfeld, eher im Technologiebereich. Dort war ich einige Zeit tätig, bevor ich in meine zweite Elternzeit ging.

Während dieser zweiten Elternzeit entstand schließlich die Idee zur Gründung.

Es war ehrlich gesagt kein „perfekter Zeitpunkt“: Ich hatte ein Baby zu Hause, es war Corona-Lockdown und das Leben stand sowieso ein bisschen still. Aber genau in dieser Zeit bin ich auf ein Material gestoßen, das mich sofort begeistert hat.

 

Das Besondere an der Bettwäsche von AGA.PIE ist das Material Bambus-Lyocell. Als ich zum ersten Mal davon gehört habe, hat mich das Thema sofort gepackt. Ich habe gedacht: Daraus muss ich etwas machen.

So ist AGA.PIE während meiner zweiten Elternzeit zunächst nebenberuflich entstanden.

Später wurde mein damaliger Arbeitgeber – auch durch die Corona-Zeit – leider insolvent. Ich wurde gekündigt. Rückblickend glaube ich, dass genau das der Anstoß war, den ich gebraucht habe, um den Schritt in die Selbstständigkeit wirklich zu wagen.

Ich bin eigentlich ein ziemlicher Sicherheitsmensch. Wahrscheinlich hätte ich das Unternehmen sonst noch lange „nebenbei“ weitergeführt. Aber irgendwann muss man sich entscheiden und den Fokus setzen.

Ich habe mir damals gesagt: Im schlimmsten Fall klappt es nicht – dann gehe ich eben wieder zurück in ein Angestelltenverhältnis.

Auch heute denke ich manchmal noch so. Aber gleichzeitig merke ich, dass ich mir kaum noch vorstellen kann, wieder komplett zurückzugehen.

Was waren die größten Herausforderungen beim Aufbau von AGA.PIE?

 

Eine der größten Herausforderungen war definitiv, alles gleichzeitig zu managen: Familie, Selbstständigkeit und teilweise auch noch meine Teilzeitstelle.

Ich habe während meiner zweiten Elternzeit gegründet. Nach etwa 14 Monaten bin ich dann wieder in meinen Job zurückgekehrt und habe rund 20 Stunden pro Woche gearbeitet – mit zwei kleinen Kindern und einem wachsenden Unternehmen nebenbei.

Das bedeutete vor allem, sich komplett neu zu organisieren: Wann arbeite ich? Wann kümmere ich mich um die Familie? Wann kann ich mich auf das Unternehmen konzentrieren?

Hinzu kam, dass ich während der Corona-Zeit gegründet habe. Dadurch konnte ich anfangs nicht zu den Produktionsstätten reisen. Meine Produktion findet in China statt, und ich musste mir viele Samples hin- und herschicken lassen.

Dabei stellte sich natürlich immer die Frage: Entspricht die Qualität wirklich dem, was ich mir vorstelle?

Ich musste mich stark auf technische Daten, Zertifikate, Muster und auf die Zusammenarbeit mit den Partner:innen vor Ort verlassen. Das hat funktioniert, aber ein kleiner Unsicherheitsfaktor blieb immer.

Deshalb bin ich nach der Pandemie auch bewusst nach China gereist, um mir alles persönlich anzusehen. Mir war wichtig, die Produktion einmal mit eigenen Augen zu sehen und sicherzugehen, dass alles so läuft, wie ich es mir vorstelle.

Zum Glück hat sich dabei bestätigt, dass alles passt – aber für mein eigenes Gefühl war dieser Schritt sehr wichtig.

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Du bist sehr aktiv im Netzwerken – online wie offline. Welche Rolle hat das für deinen bisherigen Erfolg gespielt?

Mit dem Thema Sichtbarkeit habe ich tatsächlich erst im letzten Jahr richtig angefangen. Vorher stand Social Media zwar immer auf meiner To-do-Liste, aber ziemlich weit unten. Dabei komme ich selbst aus dem Marketing und weiß eigentlich, wie wichtig es ist und wie mächtig dieses Tool sein kann, wenn man Vertrauen aufbauen und seine Expertise zeigen möchte.

Trotzdem habe ich es lange nicht geschafft, mich wirklich damit auseinanderzusetzen. 2025 habe ich dann entschieden: Jetzt ist der Moment, das Thema endlich anzugehen.

Ich habe mich für eine Weiterbildung angemeldet – das Baby Got Business Bootcamp – und dort meine gesamte Social-Media-Strategie noch einmal von Grund auf neu aufgerollt. Vorher habe ich auf Instagram eigentlich nur meine Produkte gepostet.

Der beste Moment kam beim letzten Treffen des Bootcamps. Alle Teilnehmerinnen haben sich in München getroffen und dort habe ich Anne (Kirchhoff) kennengelernt – sie arbeitet als Social-Media-Consultant.

Wir haben uns sofort gut verstanden und später noch einmal zu einem Coffee Call verabredet. Dabei hat sie erzählt, dass sie sich selbstständig machen möchte, um genau solche kleinen Unternehmen wie meines beim Thema Sichtbarkeit zu unterstützen.

So hat unsere Zusammenarbeit angefangen.

Im Juli haben wir dann einen Content-Tag organisiert – mit einer professionellen Fotografin. Wir haben den ganzen Tag Fotos gemacht, Interviews aufgenommen und Reels gedreht.

Und ehrlich gesagt: Von diesem einen Content-Tag zehren wir heute noch. Es ist unglaublich, wie viele Inhalte daraus entstehen können, wenn man sie immer wieder neu zusammensetzt.

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Wie hast du deine ersten Kunden gewonnen?

Ganz klassisch über Google Ads. Damit habe ich von Anfang an gearbeitet. Außerdem habe ich meine Produkte bewusst auch über Amazon angeboten. Das wirkt auf den ersten Blick vielleicht widersprüchlich, wenn man nachhaltige Produkte verkauft, aber Amazon ist einfach ein riesiger Reichweitenbooster.

Viele Menschen entdecken dort Produkte und suchen anschließend noch einmal gezielt danach im Internet – und landen dann im eigenen Onlineshop.

Außerdem habe ich mich lange hinter meinen Produkten versteckt. Ich dachte immer: Die Produkte sprechen für sich. Aber irgendwann habe ich gemerkt, dass das nicht reicht. 

Menschen möchten wissen, wer hinter einer Marke steht. Ich möchte auch meine Geschichte erzählen – weil ich glaube, dass sie anderen Frauen und Müttern Mut machen kann. Und ich möchte meine Leidenschaft für Materialien wie Bambus-Lyocell zeigen und erklären, warum ich mich genau dafür entschieden habe. Das lässt sich nicht nur über Produktbilder transportieren. Dafür sind Social Media und LinkedIn perfekte Kanäle.

Wie hat sich deine Sichtbarkeit auf Social Media auf Markenbekanntheit, Vertrauen und Umsatz ausgewirkt?

Seit Sommer letzten Jahres ist meine Sichtbarkeit deutlich gestiegen.

Ich merke das vor allem an der Markenbekanntheit. Menschen können plötzlich etwas mit AGA.PIE und mit mir als Person anfangen.

Meine Engagement-Rate und die gesamte Markenreichweite sind um über 300 % gestiegen. Außerdem wurde mein Unternehmen von einem Handelsmagazin unter die Top 100 sichtbarsten Start-ups gewählt.

Und manchmal passieren auch kleine, überraschende Momente: Ich war neulich bei der Wiedereröffnung eines Co-working Spaces – und plötzlich spricht mich jemand an und sagt: „Ah, du bist doch Lea von AGA.PIE.“

Früher musste ich immer erst erklären, wer ich bin und was ich mache.

Influencer Moment

Ein besonders verrückter Moment war, als Dagibee, eine große Influencerin mit über sechs Millionen Followern, ganz normal Bettwäsche in meinem Shop bestellt hat.

Ohne Kooperation, ohne Absprache.

Sie hat das Produkt einfach in ihrer Story vorgestellt – und innerhalb weniger Minuten gingen im Fünf-Minuten-Takt Bestellungen ein. Das war wirklich beeindruckend.

Natürlich war das Glück. Aber ich glaube auch, dass es damit zu tun hatte, dass mein Instagram-Account inzwischen aktiv war. Influencer schauen sich schließlich auch an, wer hinter einer Marke steht.

Welche Learnings hast du aus Formaten wie dem Baby Got Business Bootcamp von Ann-Kathrin Schmitz, der June Minds Mastermind von Magdalena Muttenthaler und dem moclue Stammtisch, einem Netzwerkevent von mir mitgenommen?

 

Wenn man gründet, gibt es unglaublich viele Anlaufstellen – zum Beispiel bei der Handelskammer. Dort habe ich auch meinen Businessplan entwickelt und mich über Finanzierungsmöglichkeiten informiert.

Aber sobald man aus der Gründungsphase heraus ist und in die Wachstumsphase kommt, steht man plötzlich ziemlich alleine da.

Als Solopreneurin trifft man jeden Tag Entscheidungen alleine. Deshalb war das Mastermind-Konzept von June Minds für mich so wertvoll.

Man hat dort Sparringpartnerinnen, mit denen man offen über Herausforderungen sprechen kann. Daraus haben sich sogar kleinere Gruppen gebildet, mit denen ich mich heute regelmäßig austausche.

Der moclue-Stammtisch

Beim moclue-Stammtisch hatte ich übrigens einen ganz besonderen Full Circle Moment.

Ich habe ursprünglich Mode- und Textildesign studiert, bin danach aber schnell im E-Commerce und Marketing gelandet. Beim Stammtisch stand ich plötzlich wieder mit Mode- und Textildesignerinnen zusammen und wir haben über Materialien, Zirkularität und Textilien gesprochen.

Das hat sich wirklich ein bisschen wie nach Hause kommen angefühlt.

Tipps für Gründer

Wenn ich anderen Gründerinnen etwas mitgeben könnte, wären es drei Dinge:

1. Holt euch Unterstützung.
Man muss nicht alles alleine machen. Gerade komplexe Themen wie Google Ads habe ich von Anfang an ausgelagert.

 

2. Geht in die Sichtbarkeit.
Versteckt euch nicht hinter euren Produkten. Menschen möchten wissen, wer hinter einer Marke steht.

 

3. Habt den Mut, etwas zu verändern.
Wenn man merkt, dass man in einer Situation unzufrieden ist, muss man den Schritt wagen und sich selbst ins kalte Wasser werfen.

Gibt es ein Thema rund um nachhaltiges Unternehmertum, über das wir zu wenig sprechen?

Ein Thema, über das meiner Meinung nach viel zu wenig gesprochen wird, ist Vereinbarkeit.

Nachhaltiges Unternehmertum bedeutet nicht nur nachhaltig zu produzieren, sondern auch nachhaltig mit den eigenen Ressourcen umzugehen.

Für mich spielt es eine große Rolle, dass meine Eltern in der Nähe wohnen und uns unterstützen. Das ist ein unglaublicher Luxus – und gleichzeitig ein wichtiger Faktor dafür, dass ich mein Unternehmen aufbauen kann.

Wenn ich mich komplett überarbeite und überall das Gefühl habe, nicht zu genügen – weder als Mutter noch als Unternehmerin – dann ist das langfristig nicht nachhaltig.

Was sind die nächsten Schritte für AGA.PIE?

Für die Zukunft möchte ich AGA.PIE weiterwachsen lassen – zunächst im DACH-Raum, später auch europaweit.

Außerdem möchte ich meine Sichtbarkeit weiter ausbauen, zum Beispiel durch Podcasts oder Vorträge, in denen ich meine Geschichte teilen kann.

Denn ich glaube, dass Unternehmertum nicht nur bedeutet, Produkte zu verkaufen – sondern auch, Erfahrungen weiterzugeben und andere zu inspirieren.

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