faible and failure
Isabelle Mann und ich kennen uns bereits vom Moclue-Stammtisch – einem Ort, an dem sich unsere gemeinsame Leidenschaft für Mode und Stricken immer wieder zeigt. Als erfolgreiche Modedesignerin hat Isabelle im Jahr 2019 ihr eigenes Label Faible and Failure im Karoviertel in Hamburg gegründet und ist seither eine feste Größe in der Modeszene der Stadt.
In diesem Interview gibt Isabelle Einblicke in ihren kreativen Prozess, die Herausforderungen der Modebranche und ihre persönliche Verbindung zu ihrem Handwerk.

© faible and failure/Lisa Knauer
Was hat Dich dazu inspiriert, Faible and Failure zu gründen?
Die Idee zu Strickbekleidung entstand 2018, während meiner Zeit beim Label Black Velvet Circus. Meine damalige Chefin Tanja Glissmann hat mich in die Welt des Strickdesigns eingeführt, und so begann meine Leidenschaft für das Strickdesign. Mir fiel auf, dass es kaum nachhaltige Stricklabels auf dem Markt gab, was mich dazu motivierte, etwas Eigenes zu schaffen. Ich wollte nicht den klassischen Weg einer Kollektion gehen, sondern mich auf ein Produkt konzentrieren – eines, das wirklich nachhaltig ist, in verschiedenen Farben erhältlich und auf Bestellung gefertigt wird. So kam es, dass ich mich letztlich für handgestrickte Pullover entschied. Zunächst wollte ich den Markt testen: Wie wird das Produkt angenommen? Welche Resonanz gibt es auf das verwendete Garn? Dabei war es mir wichtig, ein nachhaltiges Garn zu nutzen. Ich begann mit einem veganen Garn aus aufgerauter Baumwolle, das mir wegen seiner Haptik und Qualität sehr gefiel. Doch am Ende bleibt Baumwolle immer Baumwolle, und sie neigt dazu, ihre Form zu verlieren. Daher bin ich schließlich bei einem Mohair-Seide-Gemisch gelandet, das meinen Ansprüchen besser gerecht wird.
Wie würdest du den Stil und die Philosophie deines Labels beschreiben?
Mein Stil ist eklektisch, eine Mischung verschiedener Einflüsse. Ich strebe danach, zeitlose Designs zu schaffen – eine Herausforderung, da man sich oft an Trends orientiert und diese neu interpretiert. Doch mein Ziel ist es, Kleidungsstücke zu entwerfen, die langlebig sind und an denen man sich nicht schnell satt sieht.

© faible and failure/Muriel Liebmann
Welche Herausforderungen hast du bei der Gründung und dem Aufbau deines Labels erlebt?
Ich bin recht unbedarft an die Sache herangegangen. Eine der größten Herausforderungen war es, die Mindestabnahmemengen für Strickgarne zu erfüllen. Deshalb habe ich zunächst Handstrickgarne gekauft, da diese in kleineren Mengen erhältlich sind. Mit den Herstellern, mit denen ich gerne zusammengearbeitet hätte, war das nicht möglich, weil ihre Mindestbestellmengen zu hoch waren. Eine weitere Herausforderung war der Übergang von „selbstgestrickten Pullis“ hin zu einem etablierten Modelabel. Es war nicht leicht, aus diesem DIY-Image herauszukommen und als professionelles Label wahrgenommen zu werden.
Was war der verrückteste oder ungewöhnlichste Ort, an dem du Inspiration für deine Kollektionen gefunden hast?
Die Schweiz – die Verbindung zur Natur, die Ruhe, die dort herrscht. Die Menschen schätzen ihr Handwerk auf eine ganz besondere Weise. Das gibt mir selbst viel Erdung und erinnert mich daran, was wirklich wichtig ist. Generell ist Reisen eine meiner größten Inspirationsquellen. Besonders spannend finde ich es, in Japan die Menschen zu beobachten. Sie haben eine ganz eigene Ästhetik und wirken in vielen Bereichen den Europäern weit voraus.

© moclue
Gibt es ein bestimmtes Ziel, das du mit Faible and Failure erreichen möchtest?
Mein langfristiges Ziel ist es, Faible and Failure unabhängiger von meiner Person und meiner direkten Arbeit zu machen – sprich, mehr auf den B2B-Bereich zu setzen. Zwar genieße ich es, den direkten Kontakt zu meinen Kund*innen zu haben und ihr Feedback zu bekommen, aber in Zukunft möchte ich mich stärker auf die Expansion konzentrieren. Ich stelle mir vor, mehr produzieren zu lassen und das Geschäft nicht nur durch den Einzelhandel voranzutreiben. Natürlich ist das ein langsamer Prozess, denn ich arbeite aktuell mit kleinen Manufakturen zusammen, die in ihrer Produktionskapazität begrenzt sind. Es ist entscheidend, sorgfältig auszuwählen, mit wem ich zusammenarbeite, um Lieferzeiten einzuhalten und die Nachfrage bewältigen zu können. Nur so kann ich sicherstellen, dass meine Kund*innen zufrieden sind.
Welche Projekte oder Kooperationen würdest du in der Zukunft gerne realisieren?
Ich würde sehr gerne weltweit mit mehr Einzelhändlern kooperieren und gemeinsam spezielle Kollektionen entwickeln, die auf lokale Vorlieben und kulturelle Besonderheiten eingehen. In Japan beispielsweise biete ich bestimmte Farben an, die dort sehr gut ankommen, hier weniger Nachfrage haben. Solche Unterschiede finde ich spannend. Eine Zusammenarbeit mit deutschen Retailern, wie etwa dem Murkudis Store in Berlin, wäre ebenfalls ein großes Ziel für mich.
Wie sieht ein typischer Tag in deinem Leben aus?
Seit fünf Jahren versuche ich vergeblich, eine feste Routine zu etablieren (lacht). Aber letztlich ist das auch gut so, denn meine Tage sind sehr abwechslungsreich und hängen stark von den Projekten ab, an denen ich arbeite. Normalerweise starte ich meinen Tag gegen 11:00 Uhr mit der Bearbeitung von E-Mails und widme mich dann den anstehenden Aufgaben und Projekten der Woche. Gegen 19:00 Uhr endet mein Arbeitstag mit der Schließung des Shops.
Was war die größte Herausforderung, der du dich in deiner Karriere stellen musstest, und wie hast du sie gemeistert?
Die Corona-Zeit war sicherlich eine große Herausforderung, obwohl ich im Nachhinein denke, dass der Zeitpunkt damals fast günstiger war als heute, da ich noch am Anfang meiner Karriere stand. Neben meiner Arbeit am Label habe ich Gelegenheitsjobs übernommen. Solche Tätigkeiten würde ich heute nicht mehr machen, da ich mittlerweile mit meinem Label viel weiter bin. Eine weitere Herausforderung ist das Zeitmanagement. Als ich meine erste Bestellung aus Japan erhielt, musste ich am Ende die gesamten Produkte selbst färben. Das Garn war extrem empfindlich, ein Bouclé-Seidengarn, sodass ich die Pullover erst stricken und danach per Hand färben musste. Damals habe ich Tage und Nächte durchgearbeitet, was mich an meine Grenzen gebracht hat. Solche Situationen möchte ich in Zukunft unbedingt vermeiden. Eine der größten Herausforderungen für mich ist es, mir selbst Grenzen zu setzen und zu erkennen, wann es genug ist. Fehler und unvorhersehbare Probleme einzuplanen, ist ebenfalls essenziell – wie zum Beispiel, wenn 10g Garn fehlen, um einen Pullover fertigzustellen, nur weil der Lieferant zu wenig Garn geliefert hat. Solche täglichen Herausforderungen prägen meinen Arbeitsalltag.

© moclue
Wie beeinflusst Hamburg deine Arbeit und deine Kollektion?
Ich bin eher zufällig nach Hamburg gekommen, es war nie mein Plan oder Traum, hier zu leben. Dennoch hat Hamburg meine Arbeit und Kollektionen stark geprägt. Am Anfang habe ich mich stark an der Kundschaft hier orientiert, die oft ganz anders ist als ich. Hamburg ist sehr traditionsbewusst und legt großen Wert auf Qualität. Diese Eigenschaften schätze ich auch, da sie den handwerklichen Aspekt meiner Arbeit unterstreichen. Als Saarländerin teste ich gerne aus, wo die Grenzen liegen, und stelle mir immer wieder die Frage: Wie kann ich typisch anders sein?

© moclue
Was sind deiner Meinung nach die Besonderheiten der Modeszene in Hamburg im Vergleich zu anderen Städten?
Die Modeszene in Hamburg ist klein, aber das ist auch das Schöne daran (lacht). Es gibt eine kleine, nachhaltige Gemeinschaft, in der man sich kennt und unterstützt. Es geht nicht nur um Mode, sondern auch um gemeinsame Events, und es entstehen viele Kooperationen, etwa mit Fotograf*innen. In Berlin hatte ich kein solches Netzwerk, aber hier sind viele Menschen auf mich zugekommen. Dieser gegenseitige Support war eine tolle Erfahrung. Berlin ist viel größer und gesättigter, dadurch fand ich es schwieriger.
Wie hast du dich im Laufe deiner Karriere mit der Modebranche vernetzt?
Der Laden hat mir sehr geholfen, mich zu vernetzen. Viele Leute kamen einfach herein und sprachen mich an. Auch über Instagram haben mich viele kontaktiert. Obwohl ich eher introvertiert bin, hat mir diese Offenheit geholfen, ein Netzwerk aufzubauen. Inzwischen weiß ich, auf wen ich zurückgreifen kann, und schätze den Wert eines solchen Netzwerks sehr. Auch durch Events und den Fashion Council Germany habe ich interessante Kontakte geknüpft und hoffe, noch mehr spannende Menschen kennenzulernen.
Welchen Rat würdest du deinem jüngeren Ich geben, wenn du die Möglichkeit dazu hättest?
„Mach’s nicht!“ (lacht). Man braucht wirklich ein enormes Durchhaltevermögen. Es dauert Jahre, bis die Leute einen ernst nehmen und das eigene Produkt wirklich ankommt. Ich würde jedem raten, so klein wie möglich anzufangen. Starte mit einem einzigen Produkt, das du gut vermarkten und weiterentwickeln kannst, statt dich mit einer großen Kollektion und hohen Kosten zu verzetteln. Es dauert oft ein Jahr, bis ein neues Design wirklich wahrgenommen wird und erfolgreich ist.
Was tust du, um dich zu entspannen und neue Energie zu tanken?
Das ist eine große Herausforderung für mich. Pausen in meinen Alltag zu integrieren, fällt mir schwer. Es ist Fluch und Segen zugleich, im selben Haus zu wohnen und zu arbeiten. Ich habe keinen Arbeitsweg, aber die Arbeit ist dadurch ständig präsent. Richtig entspannen kann ich nur im Urlaub, wenn ich Hamburg verlasse und keine Stricksachen mitnehme. Es ist ein fortlaufender Prozess, den richtigen Ausgleich zu finden.
Wie würdest du dich selbst in drei Worten beschreiben?
Ehrgeizig – das bedeutet für mich, dass wirklich viel passieren muss, bevor ich aufgebe. In mich gekehrt und freiheitsliebend, weil mir die Freiheit, die meine Arbeit bietet, sehr wichtig ist.
Wer waren deine größten Vorbilder, und wie haben sie dich beeinflusst?
Vivienne Westwood ist für mich ein großes Vorbild, vor allem ihre multidisziplinäre Arbeitsweise und ihr Engagement als Dozentin. Auch das Label „Bode New York“ von Emily Adams Bode inspiriert mich. Sie verarbeiten Vintage-Textilien und arbeiten mit nostalgischen Elementen, um ihre Familiengeschichte und Herkunft auf besondere Weise zu integrieren. Dieses Konzept der Auseinandersetzung mit der eigenen Herkunft fasziniert mich ebenfalls sehr.

© moclue
Welche Werte und Überzeugungen sind dir im Leben besonders wichtig, und wie spiegeln sie sich in deiner Arbeit wider?
Loyalität, Tradition und meine Herkunft sind für mich zentrale Werte. Diese versuche ich in meiner Arbeit weiterzutragen, indem ich meine Expertise ständig weiterentwickle und auf die Spitze treibe. In meiner Familie haben die Frauen handwerkliche Fähigkeiten von Generation zu Generation weitergegeben, und ich sehe es als meine Aufgabe, dieses Wissen zu bewahren und weiterzuvermitteln. Das spiegelt sich auch in meinem Netzwerk wider, in dem gegenseitige Unterstützung eine große Rolle spielt.
Gibt es ein Land oder eine Kultur, die dich besonders fasziniert und inspiriert?
Ich reise unglaublich gerne nach Asien, insbesondere nach Japan. Die textile und handwerkliche Kultur dort, sowie das respektvolle Miteinander, beeindrucken mich sehr. Japan ist das Land der Meister. Sie treiben ihre Handwerkskunst bis zur Perfektion, und ich bewundere, dass sie trotz ihres modernen Lebensstils ihre Wurzeln und Traditionen nicht vergessen.
Welches ist dein Lieblingsort in Hamburg und warum?
„Planten un Blomen“. Ich liebe Gärten generell, da ich aus einem Dorf komme, wo es immer viel Platz gab. Es ist schön, hier in der Stadt solche weitläufigen grünen Oasen zu haben.




© faible and failure/ Teresa Enhiak Nanni
Was war der beste Ratschlag, den du je erhalten hast, und von wem?
Der beste Ratschlag war: „Einfach machen!“. Sich zu trauen, Dinge anzupacken, Leute anzusprechen und zu fragen. Ich zögere oft, weil ich denke, dass mich jemand ablehnen könnte. Aber letztlich hat man nichts zu verlieren. Mein Mann bestärkt mich immer wieder darin, mutig zu sein und es einfach zu probieren.
Wenn du eine Superkraft haben könntest, welche wäre das und wie würdest du sie nutzen?
Ich würde mich gerne beamen können. Dann könnte ich einfach von Hamburg nach Japan oder New York reisen und die inspirierenden Unterschiede dieser Städte und Kulturen aufsaugen. Ich liebe es, mich von verschiedenen Umgebungen inspirieren zu lassen und neue Eindrücke zu sammeln.
Was beschäftigt dich sonst gerade?
Ich denke oft darüber nach, wie ich gesundes Wachstum für mein Label erreichen kann, ohne die Identität von Faible and Failure zu verlieren. Ich möchte, dass das Label unabhängiger von mir wird, aber gleichzeitig sind die Produkte auch ein Teil meiner Identität.